Einen Thron für den Personal Trainer bitte. Macht mich mein Beruf automatisch zum Vorbild?

Der Tag beginnt 5.30 Uhr, weil der erste Klient 6.00 Uhr zum Training erscheint. Ganz ambitionierter Trainer der ich bin, springe ich fit wie ein Turnschuh aus dem Bett, trinke vorbildlich entweder einen grünen Super-Duper-Food Smoothie oder Detox Wasser, welches mit Gurke, Zitrone oder Ingwer aufgepeppt wurde. Kraft durchströmt meinen vom vielen Training gestählten Körper und ich absolviere noch drei „Oms“, um mit voller Achtsamkeit und Dankbarkeit in einen Tag zu starten, der erst in 12 Stunden wieder enden wird. Macht aber nix, ich bin ja stets motiviert und voller Tatendrang. Immerhin bin ich doch auch ein Vorbild für meine Klienten, oder?

 

Zugegeben, das ist ein ziemlich überspitztes Bild, wie der Personal Trainer von außen wahrgenommen wird. In den sozialen Medien, auf Messen oder Fernsehsendungen wird der Übermensch Personal Trainer oft derart hochstilisiert, dass es kaum möglich scheint, er oder sie habe sich mit den gleichen Alltagssorgen oder Motivationsproblemen zu beschäftigen wie alle anderen auch. Aus Gesprächen mit eigenen Klienten weiß ich, dass mir eine allgegenwärtige Leichtigkeit attestiert wird, da ich ja eh trainiert und beweglich bin. Alles scheint einfacher für mich zu sein.

Was unterscheidet den homo superior, den Übermenschen, das Vorbild Personal Trainer denn eigentlich von seinen Klienten? Immerhin esse ich auch gern Pizza, Eis oder Schoki, trinke gern einen guten Wein, habe manchmal gar keine Lust, mich über Gebühr zu bewegen oder schlafe viel zu wenig. Genau die Dinge, die Klienten zu mir führen, weil sie in eben dieser Spirale festhängen und gesundheitliche Probleme haben. Oder einfach eine Veränderung suchen.

Natürlich gehen wir Personal Trainer nicht unbedingt mit unseren Schwächen hausieren, wir werden ja für unsere Stärken gewählt und bezahlt. Das heißt nicht, dass es sie nicht gibt. Wir sind keine Maschinen. Vor allem weil man in diesem Beruf oft als Einzelkämpfer unterwegs ist, weil man selbst verantwortlich ist für den Erfolg des Geschäftes, weil man finanziell vorplanen muss. Weil es einfach für eine Person manchmal ganz schön viel sein kann, ist die Kraft auch mal weg, die Lust am Boden und die Tränen nicht aufzuhalten.

 

Nur weil wir wissen, wie wir systematisch an eine Erkrankung oder ein Leiden herangehen und Aufbauarbeit leisten können, verschont uns das nicht vorm Leben mit seinen Stolpersteinen. Auch uns treffen Krankheiten, persönliche Tiefschläge oder Erschöpfung. Das macht es dann umso schwerer, dem Ruf als Idealbild eines Trainers gerecht zu werden. Der Klient sieht vielleicht den durchtrainierten Körper, das strahlende Lächeln, hört die motivierenden Worte. Aber nicht immer sieht er die Anstrengung und die oft jahrelange Arbeit dahinter.

Warum ich oder wir das dennoch gut können? Weil wir ganz bewusst eine Entscheidung für diesen Beruf getroffen haben! Ich kann nur dann ein guter und authentischer Trainer sein, wenn ich das, was ich sage, auch lebe und verstehe. Wenn der Klient mich als glaubwürdig wahrnimmt. Das ist ein großer Teil des Berufs. Ich verkaufe meine Kompetenz. Dazu gehört eben auch eine hohe innere Motivation. Mir darüber bewusst zu sein, dass ich meine eigenen Themen habe, die mich anstrengen, aber auch das Wissen, mit welchen Methoden ich damit umgehen kann. Wenn ich das auch dem Klienten vermitteln kann, bin ich gern ein Vorbild. Ich kann ihm vorleben und kommunizieren, dass auch mir nicht immer alles gelingt, ich kämpfen muss oder vielleicht einmal versage (in meiner Wahrnehmung). Gleichzeitig kann ich ihm aufgrund meiner Ausbildung, meiner jahrelangen Beschäftigung mit allen Aspekten rund um das Thema Gesundheit, meiner Kompetenz als Trainer das Handwerkzeug vermitteln, wie er das auch schafft.

 

Insofern rührt meine Kompetenz nicht von meiner Kraft, meiner Ausdauer, einem „perfekten“ Körper, was auch immer das ist oder der Anzahl Liegestütze, die ich schaffe, sondern von einer Entscheidung, die ich vor längerer Zeit schon getroffen habe und mit jedem Tag aufs Neue treffe. Nämlich ganz bewusst und aktiv an der Entwicklung meiner Klienten Teil zu haben, sie auf ihrem Weg zu begleiten, mein Wissen zu vermitteln und dabei menschlich und auch fehlbar zu sein.